Es gibt Themen, die sind so brisant, dass man beim Lesen fast das Gefühl hat, die Luft wird dünner. Die Germanische Neue Medizin, eine pseudomedizinische Bewegung, die in den letzten Jahren immer mehr an Einfluss gewonnen hat, ist eines dieser Themen. Der Bayerische Rundfunk (BR) hat in einer aktuellen Recherche die Seminarangebote an den Paracelsus-Gesundheitsakademien ausgeleuchtet, die eng mit dieser umstrittenen Ideologie verknüpft sind. In Sachsen, wo der Geschäftsführer der Akademien eine interne Überprüfung angekündigt hat, sind die Seminare, die auch in Bayern beworben wurden, mittlerweile nicht mehr im Programm. Ein Schritt in die richtige Richtung? Vielleicht. Aber die Gefahren, die von dieser Ideologie ausgehen, sind damit noch lange nicht gebannt.

Die Germanische Neue Medizin, begründet von Ryke Geerd Hamer in den 1980er-Jahren, interpretiert schwere Erkrankungen wie Krebs als Ausdruck seelischer Konflikte. Auf medizinische Behandlungen soll man, so das Mantra der Anhänger, verzichten können. Das klingt zunächst vielleicht verlockend, aber die Realität sieht anders aus. Seit Hamers Tod im Jahr 2017 verbreiten sich seine gefährlichen Konzepte weiter – vor allem über soziale Medien und Chatgruppen, wo sie auf ein Publikum treffen, das oft verzweifelt nach Lösungen sucht. Die tragischen Schicksale von Menschen, die auf diese Heilsversprechen hereingefallen sind, zeigen, dass die Ideologie nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch lebensgefährlich ist.

Gefahren und Hintergründe

Monatelange Recherchen des BR haben die weitreichenden Gefahren dieser Bewegung ans Licht gebracht. So warnte die Deutsche Krebsgesellschaft 2024 eindringlich vor der Germanischen Neuen Medizin, die als Theorie ohne wissenschaftliche Grundlage gilt. Jutta Hübner, eine Onkologin, äußerte ihr Entsetzen über den Umgang mit Patientenleben, der hier praktiziert wird. Es ist nicht nur die Abkehr von evidenzbasierter Medizin, die besorgniserregend ist; die Bewegung propagiert auch gefährliche Behandlungen, wie die Chlordioxidlösung (CDL), die insbesondere für autistische Kinder beworben wird. Ein weiteres Beispiel für die verhängnisvollen Folgen sind die Geschichten von betroffenen Eltern, wie die von Caros Mutter, die an Brustkrebs erkrankte und sich aufgrund des Glaubens an diese Ideologie gegen eine Chemotherapie entschied – mit fatalen Konsequenzen.

Die Ideologie Hamer basiert nicht nur auf einem fragwürdigen medizinischen Verständnis, sondern ist auch von antisemitischen Verschwörungstheorien durchzogen. Hamer selbst leugnete den Holocaust und schürte in seinen Anhängern ein verzerrtes Weltbild, das beunruhigende Parallelen zu anderen extremistischen Glaubensrichtungen aufweist. Solche Überzeugungen finden gerade in Krisenzeiten, wie während der Corona-Pandemie, fruchtbaren Boden – ein Anstieg medizinfeindlicher Denkweisen ist dokumentiert und fordert jährlich Menschenleben. Die juristische Aufarbeitung solcher Fälle gestaltet sich oft als schwierig, da das rechtliche Nachweisen von Schuld in diesen Kontexten eine Herausforderung darstellt.

Alternativmedizin im Fokus

In der Diskussion um die Germanische Neue Medizin ist es wichtig, den breiteren Kontext der Alternativmedizin zu betrachten. Diese umfasst unkonventionelle Diagnose- und Behandlungsmethoden, die nicht evidenzbasiert sind. Oft als „sanfte Medizin“ bezeichnet, birgt sie erhebliche Gesundheitsrisiken. Ein Beispiel, das vielen noch in Erinnerung ist, ist der Fall von drei Patient:innen, die 2016 nach einer alternativmedizinischen Krebstherapie starben, was zu einer Verurteilung des Heilpraktikers wegen fahrlässiger Tötung führte. Die Risiken sind nicht zu unterschätzen – das Versäumnis notwendiger medizinischer Behandlungen kann fatale Folgen haben.

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Die Ausbildung von Heilpraktiker:innen erfolgt in Deutschland meist in nur ein bis zwei Jahren und unterliegt weniger strengen gesetzlichen Regelungen als die der approbierten Ärzt:innen. Das führt dazu, dass viele Menschen auf die unzulänglichen Versprechungen der Alternativmedizin hereinfallen, ohne sich der möglicherweise katastrophalen Konsequenzen bewusst zu sein. Krankenkassen schließen die meisten alternativmedizinischen Behandlungen von der Leistungspflicht aus, was für viele Betroffene eine zusätzliche finanzielle Belastung darstellt. Es ist ein gefährliches Spiel, das mit den Hoffnungen und Ängsten von Patient:innen gespielt wird.