Wölfe zwischen Faszination und Furcht: Eine neue Perspektive auf unsere Beziehung zu den Graufelligen
Der Wolf – ein Geschöpf, das in der menschlichen Vorstellung wie ein Schatten umherirrt, mal bewundert, mal gefürchtet. In den letzten Jahren hat sich die Diskussion um diese faszinierenden Tiere intensiviert. Viele fragen sich: Wie stehen wir wirklich zu den Wölfen? In seinem neuen Buch „Wölfe – sind sie uns zu nah?“ geht der Basler Biologe und langjährige TV-Journalist Andreas Moser dieser Frage auf den Grund. Er beleuchtet die jahrtausendealte Beziehung zwischen Mensch und Wolf und bietet interessante Einblicke.
Moser beschreibt Wölfe als soziale Wesen, die oft im Familienverband leben. Diese Sichtweise steht im Kontrast zu der weit verbreiteten Angst vor Wölfen in westlichen industrialisierten Gesellschaften. Er kritisiert, dass diese Ängste oft auf religiöse Indoktrination zurückzuführen seien – besonders mit der Ausbreitung des Christentums. Historisch betrachtet gab es im frühen Neolithikum, in antiken Gesellschaften und bis zum Beginn des Mittelalters kaum Angst vor diesen Tieren. Im Gegenteil, sie wurden oft als geschickte Jäger bewundert, was sich auch in Höhlenmalereien aus vor 50.000 Jahren widerspiegelt.
Die Wölfe und die menschliche Geschichte
Eine interessante Wendung nahm die Beziehung zwischen Mensch und Wolf mit der Entwicklung der Viehhaltung. Mit der Waldrodung und der Weidehaltung begann der Wolf, Vieh als leichte Beute zu jagen, was für die Menschen existenzielle Bedrohungen darstellte. Plötzlich wurde der Wolf zum Symbol des Bösen. Bis ins frühe Mittelalter gab es in Mitteleuropa stabile Wolfsbestände. Die Jagd auf Wölfe war anfangs gering, da sie Feudalherren vorbehalten war. Doch ab dem 15. Jahrhundert nahm diese Jagd dramatisch zu. Jagdmethoden wie Fallen und Giftköder zielten auf die Ausrottung des Wolfes ab. Um 1750 war der Wolf in weiten Teilen Deutschlands verschwunden. Der letzte deutsche Wolf wurde 1845 in Sachsen erlegt, aber das war nicht das Ende der Geschichte.
Heute, fast 180 Jahre später, kehren Wölfe zurück. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden in Deutschland wieder freilebende Wolfswelpen geboren. Moser weist darauf hin, dass jährlich in der Schweiz 50.000 Schafe getötet werden, wobei nur 2% (ca. 1.000 Tiere) auf das Konto der Wölfe gehen. Verhaltensstudien zeigen zudem, dass die Dezimierung von Wölfen kontraproduktiv ist. Denn das Abschießen von Elternpaaren kann dazu führen, dass Jungtiere sich zu „losen Jugendbanden“ zusammenschließen und vermehrt Schäden an Nutztieren verursachen.
Kultur und Mythos des Wolfes
Ein Blick auf verschiedene Kulturen zeigt, wie unterschiedlich der Wolf wahrgenommen wird. In vielen nordamerikanischen Indianerstämmen galt der Wolf als Bruder und Symbol der Schöpfung. Er wird als geschickter Jäger bewundert und in der Sprache der Pawnee-Indianer bedeutet das Wort für Wolf auch Mensch. In der Geschichte der Mongolen wird der Wolf sogar als Schöpfer von Dschingis-Khan angesehen. In der griechischen und nordischen Mythologie spielt der Wolf eine bedeutende Rolle. Aber der Einfluss der Viehhaltung hat die Sichtweise auf diese majestätischen Tiere stark verändert.
Wölfe bleiben in der Regel vorsichtig gegenüber Menschen. Sie sind nicht Teil des Beutespektrums und ziehen es vor, sich zurückzuziehen, wenn sie auf Menschen treffen. Tollwut-infizierte Wölfe können eine Gefahr darstellen, aber diese Krankheit ist in Deutschland nicht mehr verbreitet. In Kulturlandschaften sind Wölfe zwar vorsichtig, aber nicht extrem scheu. Ein Nebeneinander von Wolf und Mensch ist möglich, wenn Managementpläne für den Umgang mit Wölfen geschaffen werden. Und das ist vielleicht die größte Herausforderung unserer Zeit: ein respektvolles Miteinander zu finden.
Andreas Mosers Buch, das 2026 bei „Hier und Jetzt“ in Zürich veröffentlicht wird, hat mit seinen 486 Seiten einen Preis von etwa 49 Franken. Es ist ein Aufruf an die Leser, die Beziehung zu diesen faszinierenden Tieren neu zu überdenken. Die Wölfe sind zurück, und vielleicht ist es an der Zeit, die Angst abzulegen und die Schönheit ihrer Existenz zu erkennen.
